Ehrlichkeit beim Politikwechsel. Rückhaltlos?
Mittwoch, 30. September 2009 14:53
Wenn ich lese wie gerade wirklich jeder, der irgendwo eine Tastatur, ein Telefon oder gar ein Mikrofon in der Nähe hat, die Welle macht und eben mal, wortstark, begründungsarm und bedenkenfrei, die Zukunft Thüringens, der Thüringer Sozialdemokratie und die ihres Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten abhandelt, dann wird’s mir schwindlig.
Wenn ich fühle, wie da eine Lotterie von Machtoptionen in der Person, die von Inhalten und Strategien in der Sache nicht beleckt sind, durchgespielt wird, dann friere ich.
Zwei Dinge sind klar und müssen klar gestellt werden, wenn Vokabeln wie „Glaubwürdigkeit“ die Stellungnahmen zieren:
· Die Thüringer Wähler haben der SPD den Auftrag erteilt, die Regierung Althaus mit der absoluten Mehrheit der CDU zu beenden. Die SPD kann diesen Auftrag erfüllen und muss nun einen Vorschlag für den dafür gangbaren Weg machen.
· Die Thüringer Wähler haben der SPD nicht den Auftrag gegeben, den Politikwechsel mit der Linken und mit niemandem sonst zu organisieren, weil die klare Aussage der SPD, dies nur unter Führung der SPD in der Regierung zu tun, durch die Wähler nicht mit einer Mehrheit versehen worden ist.
Immerhin - diese Analyse liegt vor - hat mit diesen Aussagen die SPD bei der Wahl 25000 Stimmen von der CDU gewonnen, hat sie weitere 25000 Nichtwähler für sich mobilisieren können. Das wars dann mit den Stimmenwanderungen bei der SPD - die damit aber, sehen wir mal von der virtuellen blau-gelben DSDS-Partei ab, als einzige Partei nennenswerte Stimmenanteile gewonnen und damit gewiss nicht die Wahl verloren hat. Wirklich.
Nimmt man diese Fakten zusammen und steht man wirklich dazu, dass nach der Wahl gelten muss, was vor der Wahl gesagt wird, dann bleibt jetzt – redlich gedacht – nur die Aufgabe, zu klären ob eine Regierung unter der SPD von Christoph Matschie mit Grünen und Linker realisierbar ist. Ist sie das nicht, dann hilft kein autosuggestives Geschrei, dann muss in Verhandlungen mit der Nach-Althaus-CDU dafür gesorgt werden, dass die inhaltlichen Wahlaussagen der SPD (und nur das war der Auftrag, nicht jedoch, Herrn Ramleow zur Regierung zu verhelfen) sichtbar und in Mehrheit Teil der Regierungspolitik werden.
Das wird in vielen Bereichen sichtbar gegen die CDU durchzusetzen sein. Das nennt man dann Profilierung und damit kann man dem Wähler zeigen, für welche Politik die SPD in Thüringen steht und wie es ihr gelingt, diese Politik umzusetzen. Die andere Lösung, von Herrn Ramelow vorgeschlagen, hieße zu akzeptieren, dass „die politischen Forderungen von SPD und Linker zu 100 % identisch sind“ - so schreit es uns aus jedem Interview entgegen. Jeder kann für sich entscheiden, was es für das politische Profil der SPD und damit für die mögliche Bilanz einer solchen Regierungsbeteiligung nur bedeuten kann, wenn man seine Forderungen beim (stärkeren) Partner als dessen eigene Politik abliefert. Vom Glaubwürdigkeitsproblem von oben ganz zu schweigen. (Mich erinnert das an den Vereinigungsparteitag zur Begründung einer DDR-Staatspartei, der uns im Ergebnis lange, wenn auch nur von wenigen in Freiheit lebenden Sozialdemokraten, als entscheidender Schritt in der Stärkung der Arbeiterbewegung dargeboten worden ist.)
Weil ich das so sehe, kommt mir der Zorn angesichts des Umgangs meiner eigenen politischen Freunde, aber auch der organisierten und unorganisierten Öffentlichkeit, mit der für mich bewundernswert klaren Haltung von Christoph Matschie, am zentralen Wahlversprechen der SPD festzuhalten. Man würde sich doch eigentlich wünschen, ja man kann als alter Sozi nur erwarten, dass die große Mehrheit von Genossen, die dieses Versprechen immerhin in einem Mitgliederentscheid Christoph (und ihm persönlich) ins Gepäck gelegt hat, das jetzt auch nachdrücklich bekräftigt - und unserem Verhandlungsführer und Spitzenkandidaten wirklich und sichtbar die Stange hält.
Sehe ich aber – fassungslos - wie diese Welle der neuen Beweglichkeit jetzt über uns alle hereinspült und wie wir selbst die Fehlwahrnehmung akzeptieren, Wechsel hin zu SPD-Politik sei nur im Huckepack der Linken wirklich Wechsel, dann sage ich auch:
Wer jetzt in der Diktion von Ramelow, Gysi und Lafontaine die „Beweglichkeit“ der SPD einfordert - die dann tatschlich Betrug an unseren Wählern wäre - der überlässt schon vorab der Linken die Entscheidung darüber, wer uns als SPD führt und der macht sich um die Zukunft und gerade auch um die Arbeit an der inhaltlichen Stärkung und Ausrichtung unserer Partei bestimmt nicht verdient.
Vielleicht sind das alles nur überflüssige Sorgen. Vielleicht gibt es ja eine an den sachlichen Verhandlungserfolgen, den politischen Möglichkeiten und unserer Selbstachtung orientierte, harte Diskussion. Vielleicht gibt es eine kluge Entscheidung. Vielleicht gibt es ja tatsächlich eine Zukunft für das Projekt einer von der SPD möglich gemachten, neuen Politik für Thüringen.
Vielleicht.
Klar.
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